Neulich stürmt ein, ein paar Jahre jüngerer Kollege in mein Büro und begrüßt mich mit einem strahlenden: „Entschuldige die Störung, gnädige Frau.“ Ich dachte kurz, ich hätte versehentlich ein Portal in eine andere Zeit geöffnet. Nun gut, er ist wirklich ein lieber Mensch, also wollen wir großzügig sein und das Ganze als charmanten Versuch von Humor verbuchen. Oder als ironische Anrede, die irgendwo zwischen Wiener Schmäh und Kaiserreich hängen geblieben ist. Ich war trotzdem kurz baff, aber immerhin schnell genug für ein trockenes: „Mein Herr, Sie müssen mich verwechseln.“
Für einen winzigen Moment fühlte ich mich wieder „alt“, wie vor ein paar Wochen, als mir ein jugendliches Wesen in der U-Bahn seinen Sitzplatz anbot. Mit diesem Blick, der sagt: „Bitte, setzen Sie sich. Sie haben bestimmt schon die eine oder andere Epoche überstanden.“
Da war es, das Datum auf meiner Geburtsurkunde. Mein inneres Ich protestiert bis heute lautstark, mich diesem Datum auf einem Stück Papier unterwerfen zu wollen. Und die Regierung gibt mir recht. Die sieht mich schließlich noch für gefühlte drei Ewigkeiten im arbeitsfähigen Alter. Wenn das kein Kompliment ist.
Vor noch nicht allzu langer Zeit galt man mit meinen 50+++ bereits als Senior, also in jener Lebensphase, in der angeblich der körperliche Zerfall den Turbo zündet. Heute hingegen befindet man sich laut offizieller Sichtweise noch in der Blüte des Lebens. Offenbar eine sehr langlebige Blüte, botanisch höchst beeindruckend.
Wenn ich zurückblicke, staune ich selbst ein wenig. Ich ich habe vieles erfolgreich gemeistert, hatte Pläne, Ziele, Träume und hab mir einiges davon erfüllt. Ich weiß inzwischen, was ich schätze, und fühle mich angekommen.
Und wenn der eingangs erwähnte Kollege leicht verzweifelt darüber philosophiert, wie er seine Tochter für die nächsten Schularbeiten motivieren soll, dann lehne ich mich entspannt zurück. Denn ich weiß: Diesen Teil des Lebens habe ich bereits erfolgreich durchgespielt. Und ich bin noch immer da. Ohne Fächer. Ohne Kutsche.
Aber offenbar mit dem unwiderstehlichen Charisma einer „gnädigen Frau“.


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