Die Katze auf der Tastatur
Es gibt eine geheime Macht auf diesem Planeten, über die offiziell niemand spricht. Keine Regierung erwähnt sie, kein Unternehmen gibt es zu und trotzdem wissen wir alle, dass es stimmt: Millionen Katzen kennen sämtliche Firmengeheimnisse dieser Welt.
Katzen spionieren nicht. Sie sind einfach da. Sie schleichen um deinen Computer, sitzen auf deinem Schoß und tun so, als wäre der Mauszeiger auf deinem Bildschirm das spannendste Ding seit der Erfindung des Dosenöffners.
Während wir im Homeoffice von einem Call zum nächsten hüpfen, Präsentationen erstellen und hochvertrauliche E‑Mails tippen, liegt irgendwo eine Katze herum und saugt Informationen auf wie ein flauschiger Staubsauger mit WLAN. Sie tun so, als würden sie schlafen, aber wir wissen, dass das nur die Tarnung ist.
Katzen nehmen an Videocalls teil, ohne eingeladen zu sein. Sie laufen durchs Bild, setzen sich vor die Kamera, starren tief in die Seele der Kollegen und hören dabei jedes einzelne Wort. Und welcher Katzenbesitzer hat es nicht schon erlebt: Du schreibst gerade eine E‑Mail, und plötzlich sitzt eine Katze auf der Tastatur und verschickt sie an „Alle“. Aus Versehen. Natürlich. Oder?
Katzen sind die einzigen Lebewesen, die gleichzeitig anwesend und völlig desinteressiert wirken können. Sie kennen unsere Deadlines, unsere Ärgernisse, unsere genialen Einfälle und unsere peinlichen Tippfehler. Und das Faszinierende: Sie verraten nichts. Niemanden. Niemals. Nicht einmal für Leckerli. Vielleicht ist das der Grund, warum wir ihnen so vertrauen. Warum wir sie in unsere Arbeitswelt lassen. Warum wir ihnen unsere Geheimnisse anvertrauen, ohne es zu merken.
Denn am Ende des Tages gibt es nur eine Instanz, die wirklich alles weiß und trotzdem schweigt: die Katze auf unserer Tastatur.

Gnädige Frau

Neulich stürmt ein, ein paar Jahre jüngerer Kollege in mein Büro und begrüßt mich mit einem strahlenden: „Entschuldige die Störung, gnädige Frau.“ Ich dachte kurz, ich hätte versehentlich ein Portal in eine andere Zeit geöffnet. Nun gut, er ist wirklich ein lieber Mensch, also wollen wir großzügig sein und das Ganze als charmanten Versuch von Humor verbuchen. Oder als ironische Anrede, die irgendwo zwischen Wiener Schmäh und Kaiserreich hängen geblieben ist. Ich war trotzdem kurz baff, aber immerhin schnell genug für ein trockenes: „Mein Herr, Sie müssen mich verwechseln.“
Für einen winzigen Moment fühlte ich mich wieder „alt“, wie vor ein paar Wochen, als mir ein jugendliches Wesen in der U-Bahn seinen Sitzplatz anbot. Mit diesem Blick, der sagt: „Bitte, setzen Sie sich. Sie haben bestimmt schon die eine oder andere Epoche überstanden.“
Da war es, das Datum auf meiner Geburtsurkunde. Mein inneres Ich protestiert bis heute lautstark, mich diesem Datum auf einem Stück Papier unterwerfen zu wollen. Und die Regierung gibt mir recht. Die sieht mich schließlich noch für gefühlte drei Ewigkeiten im arbeitsfähigen Alter. Wenn das kein Kompliment ist.
Vor noch nicht allzu langer Zeit galt man mit meinen 50+++ bereits als Senior, also in jener Lebensphase, in der angeblich der körperliche Zerfall den Turbo zündet. Heute hingegen befindet man sich, laut offizieller Sichtweise, noch in der Blüte des Lebens. Offenbar eine sehr langlebige Blüte, botanisch höchst beeindruckend.
Wenn ich zurückblicke, staune ich selbst ein wenig. Ich ich habe vieles erfolgreich gemeistert, hatte Pläne, Ziele, Träume und hab mir einiges davon erfüllt. Ich weiß inzwischen, was ich schätze, und fühle mich angekommen.
Und wenn der eingangs erwähnte Kollege leicht verzweifelt darüber philosophiert, wie er seine Tochter für die nächsten Schularbeiten motivieren soll, dann lehne ich mich entspannt zurück. Denn ich weiß: Diesen Teil des Lebens habe ich bereits erfolgreich durchgespielt. Und ich bin noch immer da. Ohne Fächer. Ohne Kutsche.
Aber offenbar mit dem unwiderstehlichen Charisma einer „gnädigen Frau“.
Die Montage einer Pendelleuchte
Handwerklich begabte Menschen, das sind jene mystischen Wesen, die zuerst prüfen, ob und wie man eine Designer-Pendelleuchte in einer 400 Jahre alten, zigfach umgebauten Wohnung montieren kann. Wir zählen eindeutig nicht dazu.
Kapitel 1: Der Einkauf – oder: Wir starten dort, wo der Profi aufhört
Nach nur einigen Monaten Recherche (wir wollten ja nichts überstürzen) haben wir endlich den perfekten Beleuchtungskörper gefunden. Bestellung raus, Füße hoch, Warten beginnt. Viele Wochen später, also wirklich viele, so viele, dass wir kurz davor waren, Kerzen als Dauerlösung zu akzeptieren, trifft die Lampe ein.
Kapitel 2: Der Baumarkt – das Bermuda-Dreieck für Normalsterbliche
Wie zu erwarten ist der Deckenauslass nicht über dem Esstisch. Unsere Einkaufsliste: eine Stromverlängerung, eine Abdeckung für den Deckenauslass und ein Strommessgerät.
Ergebnis:
Abdeckung? Keine, die unseren ästhetischen Ansprüchen genügt hätte.
Stromkabel? Ja.
Strommessgerät? Auch ja.
Kapitel 3: Erste Löcher und neue Erkenntnisse
Zurück zuhause: Messen, prüfen, bohren. Loch #1: Bingo! Holzbalken getroffen. Loch #2: ging verdächtig leicht. Hätten wir uns informiert, wüssten wir: alte Häuser haben Strohdecken. Und Strohdecken brauchen spezielle Dübel. Wenn, ja wenn wir uns informiert hätten.
Kapitel 4: Der große Absturz
Todesmutig montieren wir die Lampe in vier Metern Höhe mit den beigelegten Dübeln. Hobbyhandwerker wissen was jetzt kommt, wir haben es zumindest geahnt.
Nach nicht einmal zehn Sekunden macht es rums, und unsere Designerlampe hat den Boden kennengelernt. Immerhin: Sie überlebt. Qualität hat eben ihren Preis.
Kapitel 5: Der Baumarkt – der Ort an dem nur die Dübel wissen, wo sie hingehören
Eine Woche später: Hohlraumdübel kaufen. Die angeblichen Spezialdübel für Strohdecken gabs, wie erwartet, nicht, also die normalen Hohlraumdübel genommen.
Wieder vier Meter Höhe, wieder Balanceakt, diesmal hält’s. Wir feiern kurz. Sehr kurz.
Kapitel 6: Der Nosferatu-Effekt
Lichtschalter an. Stroboskopische Effekte an. Google verrät uns: Der Dimmschalter ist nicht LED-tauglich. Natürlich.
Kapitel 7: Baumarkt, die Dritte – wir sollten Bonuspunkte bekommen
Neuen Wechselschalter kaufen, einbauen, hoffen. Und siehe da: Die Lampe funktioniert. Zumindest eine Seite des Schalters. Die andere? Ach, bitte. Wir lassen uns von solchen Kleinigkeiten nicht irritieren. Dieses Kapitel verfolgen wir dann ein anderes mal.
Wenn wir eines gelernt haben, dann das: Man kann eine Pendelleuchte in einem 400 Jahre alten Haus montieren. Man sollte es nur nicht so machen wie wir.

Zwischen Chips, guten Vorsätzen und dem Wunsch nach Veränderung

Es ist wieder einmal so weit: Der Tag, an dem wir uns alle einen „guten Rutsch“ wünschen. Nur… wohin rutschen wir eigentlich? Wahrscheinlich zuerst in eine Phase der charmanten Selbsttäuschung – jene Zeit der guten Vorsätze. Mehr Bewegung, gesünder essen, neue Projekte starten… diesmal gehe ich es an. Aber wirklich. Also zumindest theoretisch.
In einem kurzen Moment scheint alles möglich. Ich lasse den alten Trott hinter mir und konzentrieren mich auf etwas Neues in der Hoffnung mich selbst überraschen zu können. Spätestens am 2. Jänner holt mich die Realität wieder ein, wenn ich mich dabei ertappe, wie ich mit Chips und Keksen auf der Couch sitze und die begonnene Serie vom Vorjahr weiterschaue.
Vielleicht brauchen wir genau diesen kurzen Moment des Neubeginns, um uns daran zu erinnern, dass Veränderung grundsätzlich möglich ist, denn irgendwann, vielleicht an einem völlig unspektakulären Mittwoch im Mai schaffen wir es dann doch. und starten mit dem neuen Projekt, nicht weil der Kalender es vorgibt, sondern weil wir plötzlich bereit dafür sind.
Und bis dahin? Genieße ich die Chips, die Kekse und die Serie.
Rutscht gut rein ins Jahr 2026 – aber bitte mit Stil, Humor und der beruhigenden Gewissheit, dass Perfektion völlig überbewertet ist. Und falls ihr unterwegs ausrutscht: Einfach aufstehen, Krone richten, weiterfeiern.
Weihnachtsmagie
Wir waren von einer befreundeten Sängerin zu einem kleinen Weihnachtskonzert in einem privaten Innenhof eingeladen. Eigentlich war ich nur wenig motiviert – das Wetter war, wie es in diesen Tagen eben ist: kalt, grau und ein feiner Nieselregen, der in jede Kleidung kriecht. Man geht trotzdem, weil man es versprochen hat, aber man rechnet nicht damit, dass der Abend etwas Besonderes wird.
Das Haus, an dem wir schon unzählige Male vorbeigegangen waren, hatten wir bisher kaum beachtet. Ein Ort, der sich im Alltag unsichtbar macht. Doch an diesem Abend öffnete sich die Türe, und wir traten in einen wunderschönen Arkadeninnenhof. Es war, als hätte jemand einen verborgenen Zauber aktiviert.
Der Hof war liebevoll geschmückt – nicht überladen, sondern mit stilvoller Eleganz, die entsteht, wenn jemand wirklich mit dem Herzen dekoriert. Lichterketten und Laternen warfen warmes Licht auf das alte Gemäuer. Punsch und Glühwein, Gebäck und Kekse standen bereit, als hätte man nur auf uns gewartet.
Fast drei Stunden hielten wir trotz Schmuddelwetter durch. Die Weihnachtslieder, die Dekoration, der Glühwein, alles zusammen ergab eine Atmosphäre, die man nicht planen kann – sie entsteht nur, wenn viele kleine Dinge im richtigen Moment zusammenkommen.
Doch irgendwann, als das Konzert noch lief, verabschiedeten wir uns leise mit steifgefrorenen Beinen. Und erst auf dem Heimweg stellte ich mir Frage, die mich nicht mehr loslässt: Wer hatte das alles möglich gemacht? Wer hatte so viel Liebe, Mühe und auch Geld investiert, um fremden Menschen einen unvergesslichen Abend zu schenken – und sich selbst dabei völlig unsichtbar gemacht?
Jetzt, im Nachhinein, möchte ich mich auf Spurensuche begeben. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus tiefem Wunsch heraus, diesem geheimen Gastgeber meinen Dank auszusprechen. Denn dieser Abend war mehr als ein Konzert. Er war ein Geschenk. Ein kleines, unerwartetes Weihnachtswunder, das uns mitten im Alltag gefunden hat.ss uns manche Verstorbene vielleicht in dieser Nacht ein Stückchen näher sein können. Für mich ist es Erinnerung, ein Innehalten, nicht laut, nicht grell, sondern leise und tief.

Weihnachten – Zeit der emotionalen Extreme

Weihnachten, die Zeit zwischen „Oh du fröhliche“ und „Oh du meine Güte“. Ein Cocktail aus Glühwein, Keksen und Nervenzusammenbruch. Das emotionale Achterbahn-Festival verspricht eine Überdosis Euphorie, eine gute Portion Melancholie und Wahnsinn mit Tradition. Christkindlmärkte und Einkaufszentren sind zu wahren Survival-Camps mutiert und Vanillekipferl die Bitcoins der Saison.
Und ist der Adventmarathon einmal geschafft, übt man sich am Heiligen Abend, unabhängig von der persönlichen Stimmung, in Glück, Harmonie und Besinnlichkeit – ein jährlicher Stresstest mit Tannenduft. Doch dann wartet noch der absolute Endgegner – die Familienfeiern. Zwischen Essensschlacht, Geschichten von früher und der Diskussion, ob man „Last Christmas“ noch hören kann, gibt man sich friedlich, dankbar und ausgeglichen im Sinne eines ironischen Selbstschutzes.
Dennoch versprüht Weihnachten immer eine besondere Magie. Neben Ritual, Ausnahmezustand und kollektivem Theaterstück überwiegen die Kindheitserinnerungen und das Gefühl von Geborgenheit. Und am Ende, wenn alle Kerzen abgebrannt und die Geschenke bereits umgetauscht sind, bleibt die Erkenntnis: Weihnachten ist kein Fest der Ruhe, es ist eine Belastungsprobe im Glitzerkleid, die ich keinesfalls missen möchte.
Halloween und die stille Kraft von Allerheiligen
Halloween – als „fremdes Brauchtum“, viel geliebt, viel kritisiert. Ein Spektakel, dass den Tod verspottet und das Gruseln feiert .
Mit scherzhafter Erpressung ziehen Kinder durch die Straßen, um oft minderwertige Süßigkeiten zu erbetteln, die zu einem großen Teil leider nicht selten im Müll landen. Aber die Kinder, und auch so manche Erwachsene, habe ich mir sagen lassen, haben Spaß am Verkleiden und von Tür zu Tür zu pilgern. Bräuche entwickeln sich nun mal weiter.
Viele der heute mit Halloween verbundenen Bräuche, wie das Tragen von Kostümen und das Schnitzen von Kürbissen, haben ihren Ursprung in den alten Samhain-Ritualen. Samhain, ein Jahrtausende altes keltisches Fest, das das Ende der Erntezeit und den Beginn der Winterzeit besiegelt. In der Nacht vor dem elften Neumond öffnet sich – so glaubte man – das Tor zur Anderswelt. Später dann bekam das Fest einen fixen Platz im Kalender.Das Reich der Toten und das Reich der Lebenden stehen sich in dieser Nacht besonders nah, die Grenze zwischen den beiden Welten wird durchlässig. Es ist eine Zeit des Gedenkens, aber auch eine Hoffnung auf die Zukunft, ein Fest der Natur, des Wandels und des inneren Rückzugs.
Ich persönlich kann mir mit der konsumorientierten Ausprägung von Halloween wenig anfangen, verehre allerdings Allerheiligen – „All Hallows’Day“ -und die spirituelle Bedeutung dieses Tages und der vorausgehenden Nacht und die Vorstellung, dass uns manche Verstorbene vielleicht in dieser Nacht ein Stückchen näher sein können. Für mich ist es Erinnerung, ein Innehalten, nicht laut, nicht grell, sondern leise und tief.

Herbstliebe

Mittendrin im Herbst. Ich liebe ihn. Nicht nur, weil ich selbst und sehr viele meiner Liebsten im Herbst geboren wurden, und dieser Umstand diese Jahreszeit sowieso zur Besten des Jahres macht, ist es eine Phase, in der ich gefühlt alles etwas langsamer angehen kann, bevor die Weihnachtszeit mich wieder in die Realität zurückholt.
In der Jogginghose auf der Couch kuscheln, ohne inneren Zwang, das schöne Wetter ausnutzen zu müssen, die zunehmende Dunkelheit, die eine Wohlfühlatmosphäre schafft, die frische Klarheit der kühlen Luft, die zunehmend im Farbenmeer versinkenden Parks, Wälder und Spazierwege und das beruhigende Rascheln während man durch die herabgefallenen Blätter schlurft. Zurück sind endlich auch wieder die kulinarischen Genüsse, wie Kürbissuppe, frische Schwammerl und Schoko-Maroni, mein saisonales Soul Food. All das macht jeden Tag im Herbst zu einem kleinen emotionalen Kunstwerk.
Der Herbst, das bedeutet für mich das Gefühl einer inspirierenden, melancholisch angehauchten Grundstimmung, ein Innehalten, einen Hören auf Zwischentöne. Hinzu kommt noch die positive Energie von Allerheiligen, die langen Spaziergänge auf den wunderbar gestalteten Friedhöfen, das Flackern der vielen Grablaternen und das Nebelwetter, das ihnen eine geheimnisvolle Atmosphäre verleiht. Hier kann man die Stille aufsaugen und die Liebe spüren, mit denen die Menschen ihrer Verstorbenen gedenken.
Wer mich jetzt noch nicht versteht, der hat dem Herbst noch keine echte Chance gegeben.
Schuhopfer
Ist Euch eigentlich schon jemals aufgefallen, wie viele Schuhe entlang einer Autobahn liegen?
Ich hatte kürzlich das Vergnügen, auf der Südosttangente knapp 45 Minuten lang an der Bildung einer Rettungsgasse mitzuwirken, Was macht man also in dieser Zeit? ich zählte die Schuhe, die entlang der Mittelleitplanke liegen und kam auf 23 Einzelschuhe auf einer Strecke von ca. 8 Kilometern. Auffallend viele Schuhe, die ihren Besitzer verloren haben.
Lassen wir einmal die gängige, langweilige Theorie, dass sie von LKWs gefallen sein sollen, außer Acht. Was motiviert Schuhe dazu sich von ihren Besitzern zu trennen? Dazu sind mir ein paar Theorien eingefallen:
Theorie 1: Es handelt sich um ein Kunstprojekt zur Belebung der tristen Autobahnatmosphäre. Ich bin geneigt mich diesem Projekt anzuschließen und werde einmal zur Abwechslung einen roten Stöckelschuh aus dem Autofenster werfen.
Theorie 2: Es handelt sich um eine Opfergabe zur Besänftigung des Autobahngotts. Es soll bereits Fälle gegeben haben, wo dadurch, gemeinsam mit einem kurzen Gebet eine staufreie Durchfahrt der Südosttangente möglich wurde.
Theorie 3: Die Schuhe machten sich auf die Suche nach ihren Sockengefährten, die nach der letzten Wäsche plötzlich spurlos verschwunden waren.
Theorie 4: Aschenputtel auf der Suche nach ihrem Prinzen. In diesem Fall kann ein gläserner Stöckelschuh möglicherweise zielführender sein, sollte es jemand probieren wollen.
Oder aber die für mich plausibelste Theorie 5: Die Schuhe sind jahrelang loyal jeden Weg gemeinsam mit ihren Besitzern gegangen. Wie in jeder guten Beziehung dürfen auch Schuhe einmal etwas allein unternehmen und gingen auf Wanderschaft. Es zog sie hinaus in die große weite Welt und sie pilgerten Richtung Süden, auf der Suche und der Sehnsucht nach der großen Freiheit. Kurz konnten sie den Fußgeruch ihres Besitzers abstreifen, bevor es für manche ein leider tragisches Ende am Rande einer Autobahn nahm.
Wenn Euch noch weitere Theorien einfallen, lasst es mich bitte wissen.

Aufräumarbeiten

Fast genau 10 Jahre ist es her, dass ich das derzeit letzte echt bewohnte Zimmer unserer früheren Familienwohnung genehmigungsfrei betreten durfte. Die Rede ist vom ehemaligen Kinderzimmer, exterritoriales Gebiet über viele Jahre hinweg, das maximal zur Erhaltung eines Mindestmaßes an Hygiene kurzfristig freigegeben wurde.
Da der Bewohner 6 Wochen lang in Taiwan weilt, habe ich kurzerhand das Zimmer beschlagnahmt. Die Adoleszenzphase noch nicht völlig überwunden herrscht hier, meiner Ansicht nach, ein entropischer Zustand, ein Phänomen, wodurch kleinste Teilchen dazu neigen, sich im Raum zu verteilen, ein Naturgesetz, genauso wie die Erdanziehungskraft, wobei so manche Dinge wundersam die Nähe des Fußbodens suchen. Ich habe mich aufklären lassen, dass dies Teil des Wohnambientes sei.
Aber zugegebenermaßen sind auch massive Fortschritte im Vergleich zum letzten Mal zu beobachten. Vorbei sind die Zeiten, als in der Küche das saubere Geschirr ausging, weil es sich, fein säuberlich von den Katzen vorgereinigt, im Zimmer stapelte und sich eine Ameisenautobahn durch ebendieses schlängelte. Nun geht es in kleinen Etappen dem cartesischen Chaos an den Kragen. Ich male aus, putze, sortiere aus und räume zusammen und die Pflanzen erfreuen sich vorübergehend über eine Lichttherapie.
Danach werde ich den Karton, in dem die abgeräumten Dinge derzeit schlummern ins Zimmer stellen und schließe Wetten ab, wie lange es dauert, bis die Entropie zuschlägt und das Wohlfühlchaosambiente wieder hergestellt ist.
Auf der Bühne des Alters
Ein Festival der Altrocker. Sie fühlen sich niemals zu alt, stehen, top gestyled, zeitlebens auf der Bühne. Ein energiegeladenes Feuerwerk an Hits aus den 60ern, 70ern und 80ern begeistert Zehntausende, ebenso in die Jahre gekommene Fans, die auch bei größter Hitze und teilweise gesundheitlich angeschlagen, sich keine Minute, der 10stündigen Festival-Performance entgehen lassen möchten.
Wenn sich die Bühnenstars ganz gechillt während eines Songs eine Zigarette anrauchen, der eine oder andere Musiker regelmäßig ein Schlückchen aus seiner Whiskey-Flasche nimmt, das letzte noch lebende Mitglied einer 70er Jahre Glam-Rock-Band 77-jährig unermüdlich die Bühne rockt, sich der 69-jährige Hauptact es nicht nehmen lässt, auf der Bühne sein „bad boy for life“ Image zu leben und sich, durchaus sehenswert, mit nacktem Oberkörper präsentiert und eine 77-jährige Funk-Sängerin in Korsage, Leggins und Overknees über die Bühne hüpft und darin unglaublich gut aussieht, kommt innerlich doch der Wusnch auf, in einem viertel Jahrhundert ebenso diese Kraft und Dynamik auf die eigene Bühne bringen zu können.
Ja, das Alter ist noch bei niemandem spurlos vorbeigegangen, weder bei den Performern auf der Bühne, noch beim feiernden Publikum. Das hält aber an diesem Tag niemanden auf. Mit Mitte 70 möchte ich beruflich und privat ebenso hier stehen, auf der Bühne des Alters, selbstbestimmt, schrullig und voller Elan und mögen mir meine Projekte niemals ausgehen.

Schneckenwetter

Der April macht ja bekanntlich was er will und hat sich in den letzten Wochen wieder einmal in den Mai verirrt. Und so hingen die Wolken oft tief und auf der Zielgeraden zum Sommer tropfte Regenwasser von den großen Bäumen auf den Rasen und die Wege. Weit und breit die einzigen Kunden im Eisgeschäft, die sich auch bei Regenwetter nicht davon abhalten ließen das Sommerfeeling zu leben, wurde wir mit einer großen Packung Gratis-Eiswaffeln belohnt.
Während die einen sich in ihr gemütliches Heim zurückzogen, wurden andere umso aktiver. Unzählige Schnecken befanden sich im Dauerlauf auf dem Weg zur Verabredung, auf der Suche nach dem Glück in der Ferne oder womöglich auf der Flucht vor einem eintönigem Speisenangebot.
Auf unserem Spaziergang durch den Regen, dachten wir uns, wir könnten die kleinen behausten Freunden ein wenig unterstützen, damit sie schneller an ihr Ziel gelangen. Gefühlt alle 2 Meter bekam eine Schnecke einen Gratisflug auf die andere Wegseite. Während die Unerschrockenen ihren Weg einfach zügig (kann man dieses Wort in Zusammenhang mit Schnecken eigentlich verwenden?) fortsetzen, verkrochen sich andere bei ihrer Landung in ihr Haus. Vorsichtig streckten sie einen Fühler aus, dann den nächsten und scannten die überraschend neue Umgebung, bevor die Reise weiterging.
Und dann geschah es, Hoppala, das war die falsche Richtung, wurde die Schnecke doch fälschlicherweise wieder an den Start zurückgebracht. Tut mir leid, liebe Schnecke, ich hoffe Du kamst nicht zu spät zu Deinem Rendez-vous.
Das Christkind ist ein Grantscherm
Das Christkind ist ein Grantscherm
Der 31.12., der Tag an dem es Zeit ist, die Weihnachtsfeierlichkeiten der letzten Woche Revue passieren zu lassen. Schön wars, ausgiebig wars und lehrreich wars. Wir haben gelernt, was ein Schwibbogen ist und außerdem, dass, im Originalzitat, „das Christkind ein Grantscherm“ ist, und das von jemandem, der es wissen muss.
Wer eigentlich macht sich jemals Gedanken über den Gemütszustand des Christkinds, der geschlechtslosen lutherianischen Symbolfigur, das mitten im Winter, nur mit einem Nachthemdchen bekleidet, den Konsumrausch der Menschenkinder befriedigen muss. Das Christkind, das Wesen, das niemand je gesehen hat, von dem aber jeder meint zu wissen wie es aussieht, das unsere Wünsche besser kennt als wir selbst, einen Eindringling in unsere Privatsphäre, der uns näher kommen darf, als so manches Familienmitglied. Im Gegensatz zum Weihnachtsmann hat das Christkind als Solokünstler keine Elfen, die ihm durch die Weihnachtszeit helfen. Es manövriert sich alleine durch eine stressige Vorweihnachtszeit, die am 24. Dezember in einen absoluten Höhepunkt gipfelt. Keiner fragt das Christkind wie es ihm dabei geht, keiner kommt auf die Idee es zum Essen einzuladen oder ihm einen Dankesbrief zu schreiben. Kommuniziert wird nur, wenn sich daraus ein geldwerter Vorteil erhoffen lässt. Ja, da darf man auch schon mal grantig werden.
Wieder um eine Erkenntnis reicher, wünsche ich Euch einen guten Rutsch und wir sehen uns wieder 2025.

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Es gehört für mich zu Weihnachten, wie der Christbaum: das genialste Auto der Filmgeschichte: das Tschitti Tschitti Bäng Bäng. Kultig, kitschig und Klassiker meiner Kindheit.
Das schwimmende, fliegende und mit einem Autopiloten ausgestattete Wundervehikel des exzentrischen Caractacus Potts ist für mich ein Fragment einer verlorenen Welt der echten Maschinen in einem Filmjuwel, das Talent noch über Effekte gestellt hat.
Der Film weiß auch noch die heutige Generation Kinder zu begeistern, wurde mir zumindest vor vielen Jahren erzählt. Also ergab es sich vor 16 oder 17 Jahren, dass ich, im Rahmen eines Gewinnspiels, 2 Karten für dieses Meisterwerk für den 24. Dezember im Votivkino ergattern konnte. Meine Euphorie war groß, der Weg frei, für die ultimative Weihnachtsüberraschung für meinen, sich damals im Volksschulalter befindlichen Sohn.
Eingestiegen, angeschnallt und los gings ins Abenteuer. Oder doch nicht? Während ich mich, mit Popcorn versorgt, dem Schwelgen in verklärten kindlichen Erinnerungen hingab, war mein Sohn wenig begeistert. Tschitti Tschitti Bäng Bäng war langweilig und konnte keinesfalls mit Lightning McQueen, Luigi und Hook mithalten. Da schwand er, der Wunsch die eigenen Bilder im selben Maße auf meinen Sohn übertragen zu können. Enttäuschte Erwartungen auf beiden Seiten. Ein weihnachtlicher Tiefschlag, der mich bis heute beschäftigt.
Naja, auch wenn Tschitti Tschitti Bäng Bäng das Herz meines Sohnes nicht erwärmen konnte. Für mich wird es immer Teil eines märchenhaft-fantastischen Weihnachten sein.
Black Friday
Fast geschafft, bald ist er vorbei. Schreiende Kampagnen und wahnwitzige Rabatte haben den Black Friday bereits seit Wochen angekündigt.
Der Tag, der quasi einfach über Nacht zum Wochenende und mittlerweile bereits zu einer ganzen Woche wurde. Der Tag, an dem wir aufgefordert werden, unverhältnismäßig und unüberlegt zu konsumieren. Der Tag zwanghafter Einkäufe eines ausbeuterischen Systems, das Konsum und Wachstum über die Menschen, die Tiere und die Umwelt stellt. Der Tag der zum Synonym für den Abbau von Lagerüberkapazitäten, dem Ausdruck einer unverhältnismäßigen Überproduktion und Konsumzombies wurde. Ein Tag unersättlichen Konsums und schockierender Rücksichtslosigkeit. Gedanken an das Klima werden wieder einmal geflissentlich zur Seite geschoben, schließlich hat man ja sowieso eine Photovoltaikanlage am Carport, das das E-Familienvehikel vor Umwelteinflüssen schützt und das Gewissen beruhigt.
Konsum ist in Ordnung – bewusster Konsum aber besser.

Adventzeit

Die Tage werden kürzer, die Musik wird schlechter, die Herbst-Kürbis-Dekoration wird noch schnell zu Grabe getragen. Die Amazon Black Friday week ist DAS Kalendersignal – die Adventzeit ist da. Der Dezember ist wahrscheinlich der am meisten mit Erwartungen überfrachtete Monat des Jahres. An jeder Ecke lauert der vorweihnachtliche Aktionismus. Man erinnert sich an die Weihnachtszeit einer idealen Kindheit, versucht einen Funken dieses Gefühls einmal im Jahr zu spüren. Die individuelle Freude an einer verklärten Nostalgie muss zwangsweise auch in die Welt hinausgetragen werden. Auf den Balkonen und Fenstern kann man die Deko-Auswüchse bewundern, die immer öfter an Geschmacksverwirrung grenzen. Einmal im Jahr wird versucht, vermeintlich Friede und Freude zu versprühen und dysfunktionale Beziehungen zu anderen Menschen plötzlich glücklich erscheinen zu lassen. Zur Beruhigung eines etwaigen schlechten Gewissens spendet man noch schnell für die hungernden Kinder in Afrika und das letzte Einhorn in Karibat. Damit wären dann die 3 Kilo Plastikmüll nach der Bescherung kompensiert und die Fressorgien erhalten auch wieder eine gewisse Legitimität.
Einen schönen Start in die Adventzeit, immerhin nur noch 25 mal schlafen, dann kommt das Christkind.
Salome
Das ist Salome. Salome ist 9 Jahre alt.
Wünscht man sich manchmal als Mensch eine Bedienungsanleitung, um zu verstehen, was gerade in einem Katzenhirn so vorgeht, so ist Salome’s Welt nocheinmal eine ganz Andere.
Salome benötigt sehr viel Zeit, um sich an kleine Veränderungen zu gewöhnen. So dauert es etwa 9 Monate, um sich einer neuen Person im Haushalt zu zeigen. Ganz sechs Wochen hat sie ihre Schwester Gewndolin beobachtet, wie sie sich am nagelneuen Luxus-Kratzbaum ausgetobt hat, bis sie verstanden und selbst in Windeseile die oberste Plattform erobert und von da an verteidigt hat. In Salomes Welt lauern unzählige Gefahren wie Staubsauger, Besen, Wäscheständer, Leiter und Waschmaschine. Nebenbei leidet sie auch noch an einer Spinnenphobie. Das alles bedeutet für Salome absoluten Stress und bedarf meistens längerer Erholungszeiten.
Aber Salome hat auch außergewöhnliche Fähigkeiten. So schafft sie es immer wieder Fliegen zu Tode zu starren, obwohl sie wahrscheinlich eher die Altersschwäche dahingerafft hat. Außerdem konnte sie eine besondere Beziehung zu den Tauben in unserem Innenhof aufbauen, die offensichtlich eine beruhigende Wirkung auf sie haben. Damit sie mit ihnen kommunizieren kann, hat sie sich mittlerweile umfassende Fremdsprachenkenntnisse angeeignet.
Manchmal gurrt sie, manchmal findet sie den Futternapf nicht, obwohl sie davor sitzt, aber sie ist eine beschütze, glückliche Katze in ihrer eigenen Welt – unser kleines Schnuffel eben.

Der Hashtag – ein modisches Accessoire

Der Hashtag – ein Trend der so manchen Social Media Nutzer mitten in der Nacht aus seinem Instagram-Erfolgstraum reißt, um die passende Doppelkreuzchen-Stichwort-Kombination für den nächsten Beitrag zu finden. Man will der Community seinen guten Geschmack beweisen, seine Weitsicht demonstrieren oder sich öffentlichen zu Werten bekennen bzw. sich von ihnen abgrenzen. Es ist ein soziales Phänomen, die Befriedigung des Bedürfnisses nach Mitteilung, Aufmerksamkeit und Selbstinszenierung, ohne sich ganzer Sätze bedienen zu müssen. Macht ein überlegter, gezielter, wohldosierter Einsatz von Hashtags durchaus Sinn, wird das Kreuzchen meist überstrapaziert, generisch und inflationär verwendet, wodurch der eigene Beitrag nach nur wenigen Sekunden von anderen Beiträgen verdrängt wird und meist auf Nimmerwiedersehen verschwindet.
Wir brauchen sie nicht, die mehr oder weniger kreativen Hashtag-Kombinationen, aber sie machen Spaß, verbinden Menschen und geben uns das gute Gefühl gehört zu werden.
Die Mädls
Es ist die Gruppe an Menschen, die mein Leben so sehr bereichert: die Mädls.
Eine Gruppe starker, selbstbewußter, erfolgreicher Frauen, dessen Teil ich schon viele Jahre, teils Jahrzehnte sein darf. Jede für sich ist so einzigartig, wodurch ich gelernt habe über meine Blase hinauszusehen, über andere Sichtweisen nachzudenken und sie zu verstehen. Man findet in dieser Gruppe jederzeit ein offenes Ohr und warmen Tee, oder auch ein Gläschen Prosecco und ganz viel Schokolade. Dies ist keineswegs selbstverständlich, sondern jahrelanges Bestreben, Unvoreingenommenheit, Kritikfähigkeit und Toleranz untereinander zu leben. Natürlich war in all den Jahren nicht immer alles perfekt und es gab auch schwierigere Momente. Aber im Endeffekt hat immer das Offene, Verständnisvolle und Liebenswerte in uns die Oberhand behalten. Ein absolut kostbares Herzensgeschenk.

