Die Fußballweltmeisterschaft, ein Spektakel der Extraklasse und gleichzeitig moralisches Minenfeld.
Grundsätzlich möchte ich solche Großereignisse ja ablehnen. Es ist das klimaschädlichste Turnier der Geschichte. Hinzu kommen Korruption, fragwürdige politischer Verbindungen, Ausbeutung von Arbeitkräften bis hin zu Tierleid. Die Liste der Gründe, warum man das Ganze boykottieren sollte, ist länger als die mögliche Nachspielzeit des WM-Finales. Und mein Innerstes sagt da ganz klar: Das gehört nicht unterstützt.
Zumindest so lange, bis ich mich dabei ertappe, wie ich bereits in der Füh nachsehe, welche Spiele diese Nacht anstehen. Die Werbeeinschaltung am Banner lässt mich wissen, dass Fußball verbindet. Ja eh. Aber irgendwie schließt er auch aus. Und trotzdem sitze ich da und merke, wie meine ethische Haltung langsam aber sicher einknickt.
Und plötzlich bin ich wieder einmal mittendrin in meinem moralischen Doppelleben. Tagsüber empört, kritisch, reflektiert. Abends emotional involviert, mit Chipsbröseln auf der Couch und dem Gewissen, das ich kurzerhand in den Urlaub geschickt habe. Irgendwo weit weg.
Für die nächsten Tage bin ich wieder Expertin, Idealistin und Besserwisserin in Personalunion. Ich analysiere und plane ernsthaft, um vier Uhr früh aufzustehen, nur um Österreich spielen zu sehen. Warum?
Weil ich, trotz aller Ambivalenz, einen patriotischen, unerschütterlichen Glauben in die österreichische Nationalmannschaft habe. Ein Glaube, der immer wieder aufs Neue getestet wird. Aber diesmal sage ich mir: „Heuer wird’s was.“
In den nächsten Tagen bin ich ein bisschen idealistisch, ein bisschen naiv und etwas emotional.
Und wenn Österreich dann doch wieder ganz knapp verliert, höre ich zu wie mein innerer Sportkommentator eine flammende Rede über verpasste Chancen hält und mein Gewissen aus dem Urlaub zurückkommt und fragt, ob es irgendwas verpasst hat. Aber mein Herz schlägt einfach rot‑weiß‑rot, egal wie oft es sportlich gebrochen wird.


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