Dies ist die Geschichte von Benjamin.
Benjamin war ein wunderbares Geschöpf. Ruhig, zurückhaltend, aber mit einer stillen Schönheit, die jeden Raum füllte. Er stand an seinem Platz mit einem herrlichen Ausblick, lebte bescheiden, aber zufrieden. Und vor allem: Er wurde geliebt und gut umsorgt.
Bis zu jenem Freitagnachmittag.
Sie schenkte ihm noch einen letzten Blick, dann war sie weg. Sein friedliches, unbeschwertes Leben verwandelte sich zu einem Überlebenskampf.
Die erste Woche hielt er tapfer durch. Er war optimistisch, vertraute darauf, dass jemand sich seiner annehmen würde. Menschen liefen an ihm vorbei, doch niemand beachtete ihn. Niemand sah ihn. Die Verzweiflung kroch langsam bis in seine Wurzeln. Wo war sie? Würde sie zurückkommen?
In der zweiten Woche dämmerte es Benjamin langsam, dass seine Lage aussichtslos sein würde. Er beobachtete die Menschen in seiner Nähe, sah wie sie lachten, telefonierten und Kaffee tranken. Sie standen direkt neben ihm. Doch keiner sah ihn an. Er fühlte sich wie ein unsichtbares Wesen in einem Raum voller Leben. Er war müde und sehnte sich nach einem Tropfen Zuwendung. Er war vergessen worden.
In der dritten Woche verlor er nicht nur seinen Lebenswillen, sondern auch all seine Blätter.
Jetzt, wo die kahlen Zweige um Hilfe riefen, erlangte er die Aufmerksamkeit des Menschen, der sich in den letzten Wochen um ihn hätte kümmern sollen. Doch es war zu spät.
Das schlechte Gewissen war groß, der Schaden irreparabel. Benjamin wurde mit bunten Mascherln aus Geschenkbändern geschmückt. Es war ein Orden für außergewöhnliche Tapferkeit im Angesicht völliger Vernachlässigung.
Dann kehrte sie aus dem Urlaub zurück. Das Entsetzen in ihren Augen war unübersehbar. Ihr Blick wanderte von den traurigen Überresten Benjamins zu mir, der Kollegin, die seine Pflege übernehmen sollte. Die stummen, inneren Schreie waren deutlich zu hören.
Ich stand da, schuldbewusst, ohne Ausrede. Ich hatte Benjamin schlicht und einfach vergessen.
Und so endet die Geschichte von Benjamin Ficus.
Und die Moral von der Geschichte: Traue niemals einer Kollegin wie mir eine Büropflanze an.


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